Stell dich quer!

Eigentlich sollte dieser Blog unpolitisch sein, aber hier mach ich mal ne Ausnahme. Heute will ich das Thema Gorleben und sein Atommüll-Zwischenlager näher beleuchten.

So. Und es gibt drei Gründe, warum ich diesen Beitrag hier nun erstellt habe.

  1. Ich hab schon über zwei Wochen hier nichts mehr geschrieben.
  2. Ich habe schon oft mitbekommen, dass manche über das Thema noch nicht so recht Bescheid wissen.
  3. Ich will mir heute Nacht mal die Verleihung der Oscars reinziehen und muss mich jetzt irgendwie wachhalten! :D

Was ist denn überhaupt in Gorleben?

Das Atommülllager Gorleben besteht aus der Halle, in dem die Atommüll-Behälter (auch Castor-Behälter genannt) stehen, welche aus dem französischen La Hague kommen und auf ihre Endlagerung warten und aus dem Salzstock, der derzeit auf seine Eignung als Endlager untersucht wird. Befinden tut sich das Ganze etwas südlich vom Ort Gorleben.

Wie alles begann…

Um mal eine kleine Übersicht der ganzen Ereignisse und deren Entwicklung zu bekommen, hier eine kleine Chronik.

Alles begann am 22.02.1977. Niedersachsens damaliger Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) verkündet, dass Gorleben als Standort für ein „Nukleares Entsorgungszentrum“ ausgewählt wurde.

Quelle: ndr.de

 

Dem Ganzen voraus ging eine ausführliche Suche nach einem geeigneten Standort. Es wurden überwiegend Orte in Niedersachsen untersucht, aber auch Schleswig-Holstein, Hessen, Rheinland-Pfalz, Bayern und Baden-Württemberg waren mit am Start. Alle Orte aus diesen Bundesländern standen zur Auswahl auf ihre Eignung als Atommülllager geprüft zu werden. Gorleben stand allerdings bis dahin nicht in der Liste dieser Orte. Erst später wurde er handschriftlich (!) hinzugefügt. Viele Experten warnten vor Gorleben. Der Kieler Geologe Klaus Duphorn z.B. argumentierte damit, dass der Salzstock den Strahlenmüll womöglich nicht dauerhaft abschirmen würde. Ein weiteres Problem war bzw. ist, dass Wasser in den Salzstock sickern kann und so absaufen kann, wie es beim Atommülllager Asse der Fall war.

Doch es macht den Anschein, dass dies Herrn Albrecht egal war.

Dass es den Bürgerinnen und Bürgern nicht egal ist, hat er recht schnell zu spüren bekommen. Im März 1979 zogen Atomkraftgegner aus dem Wendland mit 500 Traktoren nach Hannover, wo mit 100.000 Besuchern eine der größten Protestveranstaltungen in der Geschichte der Bundesrepublik stattfand.

Es wurde also angefangen, fleißig zu erkunden, vorerst nur oberirdisch. Während vorher auch noch von einer Wiederaufbereitungsanlage für radioaktive Stoffe im Dragahner Forst die Rede war, konzentrierte sich die Landesregierung ab Mai 1979 nur noch auf den Salzstock als Endlager. Für die Wiederaufbereitungsanlage seien, so Albrecht, die politischen Voraussetzungen zur damaligen Zeit nicht gegeben gewesen.

Am 03.05.1980 wurde letztendlich die Republik Freies Wendland ausgerufen, an einem besonderen Ort – der Bohrstelle 1004 bei Gorleben. Hier bekam man sogar einen Pass, den sogenannten Wendenpass.

Quelle: wendland-archiv.de

Die Republik Freies Wendland wurde einen knappen Monat später vom Bundesgrenzschutz (heute Bundespolizei) geräumt.

Der Atomwirtschaft geht der ganze Spaß mit der Erkundung nicht schnell genug, sie will ein Zwischenlager! Und so wurde am 22.01.1982 mit dem Bau des Zwischenlagers begonnen.

Nachdem im April 1984 bereits der erste Transport mit leicht radioaktiven Abfall dorthin stattfand, kam nun am 25.04.1995 zum ersten Mal auch hochradioaktiver Atommüll nach Gorleben – der sogenannte Tag X war gekommen! Dieser bringt natürlich massives Demonstrationsaufgebot mit sich.

Quelle: contratom.de

Eine der heftigsten Eskalationen der Castor-Geschichte fand bei einem der Transporte im März 1997 statt. In Splietau, einem Ortsteil von Dannenberg, fand eine Straßenblockade statt, in die auch Trecker von demonstrierenden Landwirten involviert waren. Da diese Straße aber zu einer der Routen gehört, die die Castoren vom Verladekran bei Dannenberg bis ins Zwischenlager nach Gorleben auf der Straße zurücklegen, war diese Blockade, vor allem die Trecker, der Polizei ein Dorn im Auge. Sie ging davon aus, dass die Teilnehmer der Demonstration ihre Trecker, wenn es nötig erscheint, schnell aus der Demonstration lösen und zu einem anderen Punkt der Route fahren. Also hat sich die Polizei überlegt, dass es am Besten wäre, die Trecker einfach fahruntüchtig zu machen. Sie stochen die Reifen durch, kniffen Reifenventile mit Bolzenschneidern ab und zerschnitten Zündkabel. Rund 17.000 DM Schadensersatz forderten die Landwirte daraufhin.

Quelle: markusgolletz.de

2000 trat unter der rot-grünen Bundesregierung ein zehnjähriges Moratorium in Kraft. Bis 2010 wurde in Gorleben aufgehört zu erkunden um erstmal grundsätzliche Fragen, was die Endlagerung von hochradioaktivem Abfall betrifft, zu klären. Naja und nun soll das oft diskutierte Endlagersuchgesetz Abhilfe schaffen und eine neue transparentere Suche voranbringen.

Im Laufe der Castor-Transporte haben sich schon einige Traditionen entwickelt. So gehört die Sitzblockade auf den Gleisen bei Harlingen zum Castor genauso dazu wie die Auftaktdemo mit mehreren Tausend Besuchern. Zurückblickend ist es sehr interessant, wie sich der Widerstand gegen die Transporte entwickelt hat. So haben z.B. beim bisher letzten Transport 2011 vor allem die sozialen Medien das Ereignis geprägt. Über Facebook oder Twitter wurden schnell spontante Blockaden organisiert bzw. wurde dort erfolgreich auf diese aufmerksam gemacht.

„Aber irgendwo muss der Atommüll doch hin…“

Natürlich macht es im Rest von Deutschland oft den Eindruck, als ob wir im Wendland gegen die Castor-Transporte demonstrieren, da wir nicht wollen, dass hier ein Endlager entsteht, weil es unsere Heimat ist. Natürlich geht es auch darum, niemand will ein Atommüll-Endlager vor seiner Haustür haben…

Aber im Kern geht es vor allem darum, dass der Salzstock Gorleben für die Endlagerung nicht geeignet ist. Das haben viele Experten schon mehrfach (auch schon vor der Auswahl Gorlebens) hervorgehoben. Jedoch wurde dies seitens der Politiker auch mehrfach ignoriert. Wie sture kleine Kinder haben sie an ihrem Vorhaben bis heute festgehalten.

Dass die Auswahl damals nicht nach geologischen Gesichtspunkten stattfand, dürfte kein Geheimnis sein. Es war eine rein politische Auswahl, da Gorleben unmittelbar in der Nähe zur innerdeutschen Grenze lag.

Und dass Gaseinschlüsse und das Eindringen von  Wasser in den Salzstock festgestellt wurde, hat Union und FDP auch noch nicht umgestimmt.

Ich bin der Meinung, dass das Suchverfahren für das Endlager noch eine Ewigkeit dauern wird. Und genau so lange werden die Castor-Behälter in der Kartoffelscheune (Achtung: Ironie) vor sich hindümpeln.

Wer Lust hat, kann sich mal die folgenden Seiten zu Gemüte führen, welche wissenschaftlich (aber verständlich) die bisherige Entwicklung beschreiben:

http://www.youtube.com/watch?v=7GaJVBdlu-Y

http://www.gorleben-archiv.de

http://www.ndr.de/kultur/geschichte/schauplaetze/gorlebenchronik2_page-2.html

Das war’s zu diesem Thema von meiner Seite, die Oscar-Verleihung ist mittlerweile zuende, es ist 06:28 Uhr und ich geh jetzt ins Bett. Gute Nacht!

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